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Die Erforschung des Lebendigen.

Die Erforschung des Lebendigen „an sich“, um die es hier geht, stützt sich auf die von Rudolf Steiner entwickelte Erkenntnismethode.

Rudolf Steiner knüpfte zunächst an die Phänomenologie Goethes an, die Goethe gegenüber den Naturreichen entwickelt hatte, erweiterte sie dann aber ebenso auf seelische und geistige Felder.
Im Prinzip wiederholt sich die Methode des Erkennens, die in der klassischen Naturwissenschaft Anwendung findet, auch auf der Ebene des Seelischen und des Geistigen.
Das heißt allerdings nicht, dass die Resultate der naturwissenschaftlichen Forschung zur Erklärung seelischer und geistiger Phänomene übernommen werden dürfen. Vielmehr ist es die Methode des Erkennens, die sich auf jeder Stufe – auf physischer, seelischer und geistiger – wiederholt, um die innere Natur der Phänomene unmittelbar zu erschließen.

Der Unterschied auf allen drei Stufen liegt in der Art des Erscheinens der Phänomene. Was charakterisiert ihr Erscheinen auf der physischen Ebene ?
Dazu folgendes Beispiel: Ein Stein rollt den Abhang hinunter. Will ich in diesem Vorgang untersuchen, welche Kräfte auf den Fall des Steines einwirken, so sind die beobachtbaren Tatsachen ohne mein Zutun bereits vorhanden. Sie stehen fertig vor mir, bevor ich sie betrachte. Die Mühe des Naturwissenschaftlers liegt dann in der gedanklichen Durchdringung seiner Beobachtungen auf der Suche nach der Kausalität in der äußeren Natur.

Anders ist es mit der Natur der Seele.
Phänomene wie „Hoffnung“ oder „Langeweile“ müssen in der Seele zuerst willentlich hervorgeholt werden, um beobachtbar zu sein. Nur dann kann ich gedanklich den „inneren Blick“ auf die in ihnen wirksamen Kräfte richten, auf die Kräfte des Begehrens, des Vorstellens u.a.m.
Die Dauer der Untersuchung der Phänomene gelingt allerdings nur so lange, als ich selbst ihr Hervorbringen durch meinen Willen garantiere.
In dem Aufwand des hierzu erforderlichen Willens liegt die Not des Psychologen. Lieber werden zur Erklärung der seelischen Zustände neurophysiologische oder andere Modelle übernommen, als diesen Willensvollzug zu leisten.
Wer sich der Mühe unterzieht, die seelischen Phänomene willentlich und anhaltend selbst hervorzubringen, kann sie dann mit derselben Präzision untersuchen und ihre zunächst verborgene Natur mit derselben Evidenz erkennen, wie es der klassisch naturwissenschaftlichen Methode in ihrem Bereich möglich ist.

Ein Drittes ist zu beachten bei der unmittelbaren Untersuchung des Geistigen. Zum Phänomen kann ein Geistiges nur werden, wenn es im Feld der Beobachtung erscheint. Die Tatsache, dass wir durch das Denken über die Subjektivität des Seelenlebens hinaus zur Erkenntnis dessen in der Lage sind, was den Sinnen verborgen bleibt, weist darauf hin, dass es uns aus dem Seeleninneren heraus in eine geistige Wirklichkeit führen kann.
Dies wäre nicht möglich, wenn nicht das Denken selbst ein Geistiges wäre.

Gewiss ist in dem, was wir üblicherweise als alltägliches Denken bezeichnen, von seiner geistigen Natur nichts erfahrbar. Denn im alltäglichen Leben ist der Mensch nicht der Führer seiner Gedanken; sondern er wird von ihnen getrieben. Das kann natürlich auch gar nicht anders sein. Denn das Leben treibt den Menschen....Will man aber in eine höhere Welt aufsteigen, so muss man sich wenigstens ganz kurze Zeiten aussondern, in denen man sich zum Herrn seiner Gedanken- und Empfindungswelt macht.
Man stellt da einen Gedanken aus völliger Freiheit in den Mittelpunkt der Seele, während sich sonst die Vorstellungen von außen aufdrängen.
Dann versucht man alle aufsteigenden Gedanken und Gefühle fernzuhalten und nur das mit dem ersten Gedanken zu verbinden, von dem man selbst will, dass es dazu gehöre.

(Rudolf Steiner „Die Stufen höherer Erkenntnis“ 1905 GA 12)

Durch tägliche Übung dieser Art bekommt das Denken eine Qualität, die stärkend und wohltuend auf Seele und Leib wirkt. Das Denken bekommt eine Kraft durch die Führung aus dem eigenen Selbst. Sein Erscheinen ist an die Tätigkeit des Selbstes gebunden, an einen Vollzug uneingeschränkter Freiheit.
Von dieser Freiheit des Menschen hängt es ab, wie weit er das Denken an das Weltganze anzuschließen vermag.
Wie der Sportler seine Muskeln trainiert, um Leistungen zu steigern, so der Erkenntnissuchende sein Denken.
Denken erweist sich in seiner Steigerung als Wille.
Im Tätigkeitsfeld der Mathematik kann dieser Wille recht gut erfahren werden, wenn es gilt, die Kraft der Konzentration zu steigern, um zum richtigen Ergebnis zu gelangen. Diese Kraft des Denkwillens kann sogar als ein vorübergehender Druck im Kopf verspürt werden. Das heißt: eine Kraft macht sich geltend.

Dieser Denkwillen lässt sich darüber hinaus noch steigern, wenn die Denkkraft und Denkbewegung des Mathematisierens zwar fortgesetzt wird, ohne jedoch den Inhalt der Zahlen beizubehalten. Die hierzu erforderliche Kraft wird stark genug, um als Kraft, die sie ist, aufzufallen.
Mit anderen Worten: sie wird beobachtbar.
Die Denkkraft wird objektivierbar. Das Denken beginnt, sich selber zuzuschauen. Hier beginnt das von Rudolf Steiner entwickelte „Denken des Denkens“.
Es ist der erste Schritt in ein geistiges Schauen, denn Denken ist Geist.

Vielfach hatte Rudolf Steiner den Weg zum geistigen Schauen dargelegt, unermüdlich aufgezeigt, wie jeder selbst zu Erkenntnissen der geistigen Welten gelangen kann auf Wegen der Übung, die er in Schriften und Vorträgen beschrieb (u.a. in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“) .

Erkennen in der Welt des Lebendigen

Der hier bezeichnete Weg zum Erwachen in einer geistigen Wirklichkeit führt direkt in die Welt des von Kräften erfüllten Lebens hinein. Die Denkkraft ist Lebenskraft „an sich“, oder wie Aristoteles formulierte:

Die Kraft des Denkens ist Leben.

Es ist leicht einsehbar, dass in diesem geistigen Erwachen zwei Tätigkeiten führen: das Hervorbringen der Tätigkeit und zugleich das Beobachten derselben; mit anderen Worten: das Einssein im Hervorbringen und die Objektivierung dieses Einsseins.

Die beobachtende Tätigkeit wird im Laufe der Zeit oberhalb des Hauptes und frei von diesem erlebt. Es entwickelt sich das leibfreie Denken.

Benötigt der Naturwissenschaftler, um beobachten zu können, seine physisch-leiblichen Sinne, so der Geisteswissenschaftler sein leibfreies Denken.

Dieses kann nach langem Üben in den Umkreis gelenkt werden, in den Aether, in die Welt der Kräfte.

Jetzt erst ist die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Kräfte des Lebens „an sich“ als Phänomene erscheinen.
Es sind dieselben Kräfte, die sowohl die lebendigen Imaginationen bewirken wie auch die Phänomene im Raum und in der Zeit.
Dieses von Rudolf Steiner bezeichnete „Kopfhellsehen“ ist nach seinen Worten in der Gegenwart reif, entwickelt zu werden.
Es kann in den Umkreis gelenkt werden, in den Äther, in die Welt der Kräfte.

Hier zeichnet sich ein Weg ab, in dem die Verwandtschaft des Denkens mit jenem Geist erfahrbar wird, der „hinter“ der Welt der Sinne wirkt.
Durch diese Verwandtschaft vermag das Denken in das Lebendige, das Werden der Dinge unmittelbar hinein zu leuchten.

Anstelle der drei Raumesdimensionen beginnt nun ein Studium zwischen polaren Kräften, die in der Welt gestalten. Die Formen im Raume wiederum werden zunehmend als sinnvoller Ausdruck von wirkenden Kräften neu entdeckt. In jedem Augenblick lassen sich die Phänomene in Raum und Zeit aus der Anschauung ihrer Kräfte neu beleuchten.
Sie erhalten zunehmend im Lichte der lebendig geistigen Kräfte jene Bedeutung, die ihnen aus dem sich erweiternden Weltzusammenhang zukommt.

Ein Studium, das sich auf dem hier beschriebenen Weg mit der menschlichen Organisation und ihren einzelnen Organen befasst, den Mineralien und Metallen und vielem mehr, öffnet den Blick für die Zusammenhänge unterschiedlichster Aspekte, die sonst durch getrennte Studien sich kaum begegnen.
Durch Studien an der menschlichen Organisation auf der Ebene ihrer Kräfte können sich Pädagogen, Ärzte, Psychiater, Therapeuten u.a.m. aus übergeordneter Sicht begegnen und aus gemeinsamem Schauen ergänzen.
Ebenso tun sich Möglichkeiten auf, Phänomene der Naturreiche neu zu verstehen. So zeigen z.B. Substanzen dem so entwickelten Erkennen über ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften hinaus Eigenfrequenzen, die in sich neue Möglichkeiten für vielerlei Anwendungen enthalten.

Neben den Entdeckungen, die auf dem hier beschriebenen Erkenntnisweg möglich sind, wird eine hinter allem stehende Erfahrung vorherrschend:
das Verhältnis zwischen Erkennen und den Erkenntnissen ordnet sich in neuer Weise. Werte beginnen sich umzuwerten. Nicht Erkenntnisse, Ergebnisse sind mehr das Ziel des Forschens, sondern die Tätigkeit des Erkennens selbst. Erkenntnisse gewinnen die Bedeutung von Wegweisern. Doch Wegweiser sind nicht das Ziel, das man erreichen will.
Ziel ist die Kontinuität eines erkennend-schöpferischen Bewusstseins.

 

Weiterführende Literatur siehe unter
Literaturempfehlung und
Schriften und CDs